Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.
Zen

Zuerst darfst Du Zen / Kontemplation nicht mit Meditation "über etwas" verwechseln, obwohl wir oft irrtümlich das Wort "Meditieren" dafür gebrauchen.

Wenn man Zen / Kontemplation praktiziert, befindet man sich in einem Zustand, in dem alle Motivationen und Ziele sowie das eigene Ego in den Hintergrund gedrängt werden, indem man nur wahrnimmt. Mit "zurückdrängen" ist keine aktive und zielgerichtete Aktion gemeint, sondern ein passiver, wachsamer und achtsamer Wahrnehmungszustand. Mit "Ego" sind Anhaftungen an Gedanken (unter anderem Wünsche, Träume, Planungen, Erinnerungen,...), Gefühle (Angst, Wut, Traurigkeit,...) und Körperempfindungen (Schmerz, Kälte,...) gemeint. Durch Anhaften und Verdrängen entsteht Leiden. Es ist wichtig, nicht die Zielsetzung zu haben, sich davon freimachen zu wollen, da man dadurch erneut anhaftet. Stattdessen übt man sich darin, alles bewertungsfrei zu akzeptieren und sich identifikationslos zu beobachten. Vorsicht, das Ego ist sehr raffiniert: Wenn Du meinst, Du hättest keine Anhaftung mehr, könnte dieses Gefühl erneut eine kaum bemerkte Anhaftung sein.

Dieser Achtsamkeitszustand wird durch eine gleichförmige, wiederkehrende Praxis gesteigert:

  • Mit einer bestimmten Körperhaltung, die Dich wachsam werden lässt, indem Dir Deine Gedanken, Gefühle, Empfindungen auffallen: Sitzen mit geradem Rücken und guter Bodenhaftung (auf dem Boden sitzend bilden beide Knie mit dem Po ein Dreieck, das an den Eckpunkten den Boden berührt).
  • Mit einer bestimmten Praxis, die Dich wach hält (mit "wach" ist hier nicht nur das Gegenteil von schlafend gemeint, sondern ein Zustand, in dem Du, wie ein Zeuge von Dir selbst, alles realisierst, was Dich beschäftigt), indem Du Dich ihr vollständig hingibst. Diese Praxis stellt keine Ablenkung von Gedanken und Gefühlen dar, sondern ist Selbstzweck: Du praktizierst, um zu praktizieren.
  • Zunächst solltest Du versuchen ein distanzierter, nicht wertender Beobachter und Zeuge von Dir und Deiner Praxis zu sein. Wenn Du mit Hingabe weiter praktizierst, wirst Du selbst zum Bestandteil Deiner Praxis. Du fällst dann als separater Beobachter weg, da alles eins wird. Alles verwandelt sich in Deine Praxis. Alles ist in ihr enthalten.
  • Schaffe so viele "Erinnerungsschilder" wie möglich, die Dich zu Deiner Praxis zurückführen (Toilettengang, Schmerz, Türen öffnen, rote Ampeln, unvorhergesehene Überraschungen,...). Am sinnvollsten ist es, wenn Du alles Störende / Dir Unangenehme zu einem Weckruf werden lässt. So kannst Du sicher sein, dass Du Dich an Deinen Weckruf nicht gewöhnst und ihn somit nicht mehr wahrnimmst.
  • Als Anfänger brauchst Du Stützen. Wenn Du praktizierst, sind Stille, eine bestimmte Bewegungsabfolge (mit einer Verbeugung, bevor Du Dich hinsetzt, unterstreichst Du für Dich selbst die Wichtigkeit des Nachfolgenden), bestimmte, feste Praxiszeiten, die im Tagesablauf verankert sind, eine bestimmte Körperhaltung und ein bestimmtes Körpergefühl hilfreich.

Beispiele für Praxismethoden (es gibt über hundert ...und über tausend Koane):

Visuelle:

  • Behalte bei allem, was Du siehst und anschaust, Deinen Brillenrahmen auch mit im Blickfeld (=kontemplativer Blick). Du hast das Gefühl, Zeuge Deines Sehens zu werden.
  • Anderen zuschauend, lasse Dich ausfüllen von ihnen und ihren Tätigkeiten, gerade dann, wenn diese konzentriert einer Handlung nachgehen und erkenne Dich darin.

Akustische:

  • Bade in allen Geräuschen wie in einem Klangbad. Folge keinem Geräusch und halte Dich an keinem bestimmten Ton fest. Lass' alle Geräusche gleichberechtigt und unbewertet zu Dir gelangen.

Geschmack und Geruch:

  • Gebe Dich einem Duft oder dem Geschmack des Essens vollständig hin. Werde zu diesem Duft und zu diesem Geschmack.

Körperliche:

  • Gebe Dich ganz auch den kleinsten Erschütterungen beim Autofahren mit vollständig entspanntem Körper hin. Nichts darf Dich anstrengen.
  • Halte Deine Zunge still und unbeweglich und Du hörst auf zu denken. Beim Denken bewegt sich nämlich immer die Zunge kaum merklich mit.

Gedankliche:

  • Bemerke sofort den Beginn eines Gedankens, löse diesen dadurch auf.
  • Rezitiere innerlich Deinen eigenen Vornamen.
  • Stelle Dir vor, dass die Gedanken, die Du denkst, nicht Deine Gedanken sind, also auch nicht von Dir stammen.

Atemtechniken:

  • Konzentriere Dich auf den Punkt zwischen Ein- und Ausatmen. Atme ganz ungezwungen dabei weiter. Du bekommst das Gefühl "geatmet zu werden".
  • Halte mit Deinem rechten Daumen das rechte Nasenloch zu und atme mit dem linken ein. Stell' Dir hinter Deiner Stirn die frische Atemluft vor. Halte Dir anschließend das andere Nasenloch zu und atme langsam rechts aus. Dann atme nur mit dem rechten ein...
  • Lass die frische Luft beim Einatmen nicht nur in die Lungen, sondern in den ganzen Körper, zu jeder Zelle gelangen. Spüre es.

Koan-Technik:

  • Versuche, Koane (widersinnige Sprüche) zu lösen. Rationale Logik hilft nicht dabei. Koan-Beispiel: "Hörst Du das Klatschen einer Hand?"

Die Aufgabe eines Zen-Meisters besteht darin, eine geeignete Praxis für seinen Zen-Schüler zu finden und anschließend, gerade, wenn dies von dem Schüler immer wieder als unangenehm empfunden wird, diesem sein verstecktes Ego aufzuzeigen. Denn das Ego ist dafür verantwortlich, wenn der Schüler mit der Zen-Praxis ein bestimmtes Ziel verfolgt (z.B. Erleuchtung, Angesehenheit), wenn er auf Grund seiner Praxis-Erfahrungen beginnt, Stolz zu empfinden oder wenn er es sich in seiner Praxis "zu gemütlich eingerichtet" hat.

 

Gedanken, denen man während der Praxis folgt, werden erfahrungsgemäß die größte Hürde sein. Verdamme sie nicht. Gedanken führen ein Eigenleben. Sei mit dieser Tatsache einverstanden, denn Du kannst sie sowieso nicht daran hindern, zu erscheinen. Lasse sie aber zerplatzen, indem Du ihr Erscheinen bemerkst. Folge ihnen nicht. Falls notwendig, setze sie bewusst ein und dirigiere sie, anstatt Dich von ihnen leiten zu lassen und nehme sie danach wieder zurück.

Gefühle sind energiereicher als Gedanken. Gewöhnlich verdrängst Du sie oder lebst sie aus. Zen gibt Dir die Möglichkeit, sie urteilsfrei wahrzunehmen und (wenn Du dabei keinem Gedanken folgst) deren Energie in zunehmende Wachsamkeit umzuwandeln. Wenn Du bei der Gefühswahrnehmung erfolgreich bist, wirst Du dies daran merken, dass Du sensibler und empfindsamer für Wahrnehmungen wirst. Vielleicht merkst Du in diesem Augenblick, dass Du mit Hilfe der transformierten Energie der Wut leise, kurz vorher noch unbemerkte Geräusche wahrnimmst.

Mit achtsam erfühlten, nicht bewerteten Körperempfindungen und Sinneswahrnehmungen baust Du eine Brücke in den gegenwärtigen Augenblick.

Bei wahrgenommenen Problemen wirst Du mehr und mehr auf Dich selbst zurückgeworfen. Du erkennst, dass der Grund, der etwas zum Problem werden lässt, Du selbst mit Deiner Einstellung zu Deiner Umgebung bist. Die Unterscheidung zwischen "gut" und "böse" wird immer weniger von Nöten sein und verschwindet schließlich ganz. Nichtanhaften bedeutet keineswegs ein "Nicht-Agieren", im Gegenteil: Erst wenn Du frei bist von Anhaftungen, kannst Du ohne jegliche Zwänge handeln. Echte Freiheit ist demnach nicht von äußeren Gegebenheiten und Faktoren abhängig.

Wenn Dich starke Gefühle an der Ausübung Deiner Praxis hindern, ist es hilfreich zu erspüren, in welchem Körperbereich sich die damit korrespondierenden Körperempfindungen bemerkbar machen (z.B. bedrängende Enge im Herz- oder Bauchbereich) und ob diese zunehmen oder abnehmen. Wenn Du es richtig machst, nehmen sie in diesem Moment immer ab, weil Du mit dem Lauschen nach Körperempfindungen die Energie des Gefühls (z.B. der Wut oder der Angst) anzapfst und diese Deiner Wachheit zugute kommt.

Gott als von Dir getrennt anzusehen, schafft Distanz zwischen Gott und Dir. Die Folge davon ist bewertender Dualismus. Gott ist in jedem von uns, ist alles und kann direkt erfahren und erlebt werden. Erkenne, erfühle ihn in allem.

Im Zen geht es nicht um ein so genanntes "gutes" Handeln aus moralischem Grund oder um das Ziel, Dein Karma für mögliche Folgeleben zu verbessern, da auch dies ein in die Zukunft gerichtetes Ziel wäre. Dein Karma, welches sich als logisches Gesetz von Ursache und Wirkung aufbaut, verliert seine Wichtigkeit, wenn Du keine Angst mehr vor zukünftigem Leiden hast. Es ist also nicht gut möglich, bzw. widerspricht sich sogar, von einem Grund oder einem Ziel für eine Zen-Praxis zu sprechen. Du kannst während der Zen-Praxis aber eine grenzenlose Einheit mit allem, ohne jegliche Trennung, erfahren (ohne Dualismus). Einmal empfunden kann dies zu einem Anreiz werden, Zen zu praktizieren. Du kannst dieses Gefühl von Einheit allerdings nur wieder erreichen, wenn Du es nicht anstrebst. Jegliches Streben und jede Zielvorstellung weisen in die Zukunft. Zen und die damit verbundenen Wahrnehmungen können aber nur im Jetzt, im Augenblick stattfinden. Aus der praktizierten Achtsamkeit und einer erlebten Einheitserfahrung erwächst zunehmend liebendes Mitgefühl allem gegenüber. Deshalb dürfen moralische Maßstäbe auch getrost entfallen. Du behandelst dann automatisch alles so, wie Du selbst behandelt werden willst. Dies geschieht nicht, weil Du Dir das vornimmst, sondern weil Du Dich bei empfundener Grenzenlosigkeit auch im anderen erkennst. Ein Zeitmaß und eine Bewertung sind nicht notwendig. Wenn Du Dich in jedem neuen Augenblick auf Deine Sinneswahrnehmungen konzentrierst, Dich ihnen hingibst, verschwinden Vergangenheit, Zukunft, Anfang und Ende. Du hast als Anfänger genauso wie als Geübter in jedem neuen Augenblick eine neue Chance, diesen neu wahrzunehmen und mit dem Moment und der Umgebung zu verschmelzen.